Evangelische Studierendengemeinde Jena

Ihr braucht Euch Eurer Väter nicht zu schämen


Rezension zu Friedrich-Wilhelm von Hase (Hg.): Hitlers Rache. Das Stauffenberg-Attentat und seine Folgen für die Familien der Verschwörer, SCM-Verlag, Holzgerlingen 2014 von Sabine Nagel

„Das Furchtbarste ist zu wissen, dass es nicht gelingen kann

 und dass man es dennoch für unser Land und unsere Kinder tun muss.“

Berthold Schenk Graf von Stauffenberg

 In Jena begegnet man seinem Namen auf Straßenschildern und am Wohnheim für Studierende insbesondere der Theologie. Am Fürstengraben trifft man auf seine Büste, in der Aula der Universität auf sein Porträt und im Johannisfriedhof auf ein Grabmal für ihn und seine Frau. Gemeint ist Karl August von Hase (1800-1890), der als Kirchenhistoriker an der Jenaer Universität lehrte, zeitweise deren Rektor war, für einen gemäßigten Liberalismus stand und als junger Mann zu den Burschenschaften in Leipzig und Erlangen gehörte, wofür er Verweise von Universitäten und Haftstrafe in Kauf nahm. Das Widerstehen hat in dem weit verzweigten Familienbund derer von Hase, der über den freisinnigen Vorfahren Karl von Hase vielfältige Wurzeln in Jena hat, im aktiven Widerstand gegen Hitler durch einzelne Familienmitglieder eine Fortsetzung gefunden.  Genannt seien neben dem Enkelsohn Paul von Hase (1885-1944), der zu den militärischen Verschwörern um Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944) gehörte, Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), Klaus Bonhoeffer (1901-1945), Rüdiger Schleicher (1895-1945), Hans von Dohnanyi (1902-1945).

Der Band „Hitlers Rache. Das Stauffenberg-Attentat und seine Folgen für die Familien der Verschwörer“ ist 70 Jahre nach den Ereignissen vom 20. Juli 1944 erschienen. Herausgeber Friedrich-Wilhelm von Hase (geb. 1937) war als Sohn des damaligen Stadtkommandanten von Berlin, Paul von Hase (1885 – 1944), unmittelbar selbst betroffen. Er hat Erinnerungen und Tagebuchaufzeichnungen von Ehefrauen der Verschwörer, von deren Kindern und Verwandten bzw. Enkelkindern zusammengestellt, die größtenteils der von Hitler angeordneten Sippenhaftung verfielen.

Der Urenkelsohn des Kirchenhistorikers Karl August von Hase ist selbst als Siebenjähriger nach dem missglückten Attentat mit etwa 46 Kindern im Alter von einem bis zu 15 Jahren aus Familien der Verschwörer in ein eigens dafür eingerichtetes Landkinderheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt  bei Bad Sachsa im Südharz verschleppt worden.  Von ihren Familien getrennt, sind die Kinder unter fremden Namen festgehalten worden. Die erwachsenen Familienmitglieder wurden verhört, in Gefängnisse oder Konzentrationslager verschleppt. Hitler hatte in seinem Hass auf die Gegner seiner nationalsozialistischen Herrschaft und zudem auf deren vielfach adlige Herkunft angeordnet, dass die Verschwörer allesamt auszurotten und ihre Familien, Frauen und Kinder in Konzentrationslager zu bringen seien. Der sich für die Verfolgung der Familien anbietende Reichsinnenminister Heinrich Himmler nahm die Familien der aktiven Gegner Hitlers in Sippenhaftung, sprach davon, sie ‚auszulöschen‘, das schlechte Blut ‚auszumerzen‘. Himmler hat gegenüber den Familienangehörigen aber eine Doppelstrategie verfolgt, wohl mit Blick auf seine politische Zukunft nach dem Krieg und um der zunehmenden Empörung über die Sanktionsmaßnahmen gegen Frauen, Kinder und alte Menschen entgegen zu wirken. So überlebte ein größerer Teil der in Sippenhaft genommenen Menschen. Deren Tagebuchnotizen, Briefe und spätere persönliche Rückblicke auf die Folgen des Geschehens vom 20. Juli 1944 hat der Archäologe und jüngste Sohn von Paul von Hase, Friedrich-Wilhelm von Hase, erklärend und kommentierend zusammengestellt. Versehen hat der Herausgeber diesen Teil des Buches mit Aufsätzen von Historikern

  • zum Staatsstreich vom 20. Juli (Joachim Scholtyseck),
  • zur Rolle von Generalleutnant Paul von Hase (Roland Kopp),
  • zu christlichem Glauben und militärischem Widerstand (Hans-Joachim Ramm),
  • zur Gebundenheit an den Fahneneid als einem moralischen Problem für die Angehörigen der Wehrmacht (Roland Hartung),
  • zu den Prozessen vor dem Volksgerichtshof (Arnim Ramm),
  • zur Sippenhaft als Repressionsinstrument (Johannes Salzig)
  • und zur Legitimation des Widerstandes im Nachkriegsdeutschland (Rüdiger von Voss)

und so die persönlich erinnerten Erlebnisse der von den Folgen des missglückten Attentats Betroffenen in den historischen Kontext gestellt.

Zu den späteren Folgen zählt auch, dass und wie die Männer des 20. Juli und weitere Widerstandskreise in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg verächtlich gemacht wurden. Christa von Hofacker hat als Zwölfjärige in ihrem Tagebuch aus der Zeit in Bad Sachsa allerdings festhalten können, dass der neue Bürgermeister von Bad Sachsa Anfang Mai 1945 zu den unter fremden Namen festgehaltenen Kindern sprach und ihnen sagte: „Und jetzt heißt Ihr wieder so wie früher, Ihr braucht Euch Eurer Namen und Väter nicht zu schämen, denn sie waren Helden!“ Worte, die sie nie vergessen hat.

Gerahmt sind die Zeugnisse aus den betroffenen Familien und die Beiträge der Historiker durch das vorangestellte Zitat von Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, das eines der Dilemmata der Verschwörer sichtbar macht sowie einen Beitrag des äthiopischen Historikers und Unternehmensberaters Asfa-Wossen Asserate zu Zivilcourage, womit der Bogen in unsere Gegenwart unübersehbar geschlagen ist. Spätestens im Nachdenken über Zivilcourage und Anstand wird deutlich, dass das Grundthema des Widerstehens gegenüber Gewalt, Rassismus und Hass keine Frage aus der Vergangenheit ist, sondern sich immer wieder von neuem stellt.

Was aber ist es, das Menschen unterschiedlicher Grundhaltung, widerstehen lässt? Worauf beziehen sie sich? Worauf vertrauen und hoffen sie? Welches Ziel hat ihr Widerstand? Ludwig Mehlhorn (1950-2011), einer der Initiatoren des Versöhnungsweges zwischen Polen und Deutschland und Mitgestalter der Gedenk- und Begegnungsstätte Krzyzowa – Kreisau hat in seinem Begleitbuch zur Ausstellung „In der Wahrheit leben. Aus der Geschichte von Widerstand und Opposition in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts“ (hrg. von der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung und Kreisau Initiative e.V., Kreisau / Krzyzowa, 2012) herausgearbeitet, was er an Gemeinsamkeiten in den Grundhaltungen von Menschen im Widerstand gegen Diktaturen festgestellt hat (dort S. 14ff).

Er zählt erstens das Durchschauen der Lüge dazu, das Vermögen, Distanz zum System gewinnen bzw. wahren zu können. Die Männer des 20. Juli 1944 haben zu unterschiedlichen Zeiten Distanz zum System gewonnen und die Auslöser für ihre Entscheidung differierten stark. Waren einige wenige schon zu Beginn der NS-Herrschaft in Distanz zum System, so gab es trotz der rechtsstaatlichen Verwüstungen nach der Machtübernahme Hitlers und der Änderung des Fahneneides kaum Widerstand, wenn auch Unbehagen.

Zweitens benennt Mehlhorn die Fähigkeit, Unrecht wahrzunehmen, Mitleid zu empfinden und sich empören zu können gegenüber dem Unrecht, das anderen, auch fremden Menschen, angetan wird. Ausschlaggebend für die Beteiligung an der Verschwörung vom 20. Juli 1944 waren für einen Teil der an der Vorbereitung des Attentates Beteiligten die Grausamkeiten gegen die Juden, die Brutalität gegenüber der Bevölkerung in der Ukraine, die sie im Krieg wahrgenommen haben, bzw. das Völkerrecht brechende Befehle.

Als drittes Element des Widerstands benennt Mehlhorn Zivilcourage, Mut zum Risiko und die Bereitschaft, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen und evtl. auch das der nächsten Angehörigen zu gefährden. Für die Männer des 20. Juli, die mehrheitlich höhere Offiziere waren, war Mut zum Risiko und vor allem die Bereitschaft, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, vermutlich naheliegender als bei Zivilisten.

Als wesentlich für die Grundhaltung des Widerstehens beschreibt Mehlhorn viertens das Vertrauen auf die Kraft der menschlichen Solidarität, auf Freundschaft und „Handeln aus der Freiheit der Unerschrockenen“. Margarethe von Hase (1898-1968), die Ehefrau von Paul von Hase, drückte das in ihren Erinnerungen an das Geschehen um den 20. Juli 1944 aus, indem sie feststellt, dass es schließlich doch die Beziehungen der Menschen untereinander seien, die dem Leben Wert geben. Zurückgreifen konnten die Verschwörer, die Inhaftierten und selbst die größeren Kinder in Bad Sachsa auf verlässliche Beziehungen weit über den Familienkreis hinaus und auf Vertrautes aus der Literatur, auf die Bibel, auf den christlichen Glauben und auf Gespräche mit Pfarrern, die ihnen halfen, ihre Entscheidung zu treffen bzw. Kraft zum Durchstehen und Ertragen zu finden.

Mit der Entscheidung, sich am Widerstand aktiv zu beteiligen, ist fünftens die Auseinandersetzung mit dem Wissen, trotz des Widerstehens nicht unschuldig zu sein, verbunden. Für die Militärs spielte dabei das Problem des Fahneneides eine Rolle, aber auch die Frage nach der Berechtigung des Tyrannenmordes. Für Menschen wie Dietrich Bonhoeffer war es die Notwendigkeit der freien und verantwortlichen Tat auch gegen Beruf und Auftrag, sowohl des Offiziers als auch des Theologen und Pfarrers.

Friedrich-Wilhem von Hase widmet das sehr zu empfehlende Buch zu Hitlers Rache an den Familien der Widerständigen seinen Eltern Paul und Margarethe von Hase „in Erinnerung an das Erlebte und Durchlittene“ als jüngster Sohn wie auch als Mitglied der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e.V., deren Anliegen es ist, auch diesen Teil der Geschichte des Widerstandes im kollektiven Gedächtnis  zu verankern.